Das Lied von Soja Kosmodemjanskaja

Ein neues Lied bei Pir-Moll

Heute vor 97 Jahren, am 13. September 1923, wurde Soja Anatoljewna Kosmodemjanskaja etwa 400 Kilometer südöstlich von Moskau geboren. Sie schloss sich mit 15 Jahren dem Komsomol an, der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, gegen Ende der Zeit des Großen Terrors, der stalinschen Säuberungswelle gegen politische Gegner. Ende Oktober 1941, inmitten der Schlacht um Moskau, meldete sie sich für den Dienst in einer Partisaneneinheit. Sie wurde in den Partisanen-Truppenteil Nr. 9903 der Westfront der Roten Armee aufgenommen. Die Aufgabe dieses Truppenteils waren Sabotageaktionen, insbesondere die Zerstörung von potenziellen deutschen Unterkünften der Wehrmacht hinter der Frontlinie, also im bereits besetzen Gebiet. 1941 war die damals erst achtzehnjährige Soja an mehreren dieser Aktionen beteiligt.

Diese Aktionen gingen zurück auf den Stawka-Befehl Nr. 0428 vom 17. November 1941, in dem Stalin auf dem Höhepunkt des Vorstoßes der Wehrmacht anordnete, ohne Rücksicht auf die dadurch verursachten Verluste für die eigene Zivilbevölkerung, alle Siedlungen und Infrastruktur 40 bis 60 Kilometer hinter der Frontlinie und jeweils 20 bis 30 Kilometer links und rechts der Straßen zu zerstören. Das Ziel war, es damit der Wehrmacht zu verunmöglichen, sich dort einzuquartieren und sich vor der Roten Armee und den Partisan*innen sowie vor dem unterschätzten Wintereinbruch zu schützen. Zu diesem Befehl wurde übrigens eine revisionistische Fälschung in Umlauf gebracht, mit der durch eingefügte Textpassagen deutsche Verbrechen an der sowjetischen Zivilbevölkerung der Roten Armee untergeschoben werden sollten. Die Geschichte der Fälschung dieses Befehls und auch der ins Deutsche übersetzte Originalwortlaut sind hier zu lesen.

Am Abend des 27. November 1941, nur 10 Tage nach dem Stawka-Befehl Nr. 0428, wurde Soja dann bei einem solchen Versuch, ein Dorf anzuzünden, entdeckt und verraten. Sie wurde durch Angehörige der 197. Infanterie-Division der deutschen Wehrmacht verhört, gefoltert und zwei Tage später, am Morgen des 29. November 1941 auf dem Dorfplatz von Petrischtschewo gehängt. Ihr Körper wurde zur Abschreckung noch mehrere Wochen dort liegen gelassen. Fotos von ihrer Hinrichtung und ihrem zugerichteten Leichnam im Schnee spiegeln den Hass der Männer in den deutschen Truppen wider auf Frauen, die sich bewaffneten und gegen die Wehrmacht kämpften. Solche Fotos befanden sich wie Trophäen in privaten Fotosammlungen von Wehrmachtssoldaten.

Die Geschichte dieser jungen Frau hat viele Menschen bewegt, und auch wir möchten ihr weiter nachgehen. Das ist uns wichtig, weil insbesondere der bewaffnete Kampf von Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus noch immer keine ausreichende Würdigung findet. In der Sowjetunion und auch später in der DDR wurde sie umgehend zur Propagandafigur aufgebaut. Die Rezeption ihrer Person bewegt sich zwischen den Polen „Handlangerin Stalins“ einerseits und „Widerstandskämpferin gegen Faschismus und Nationalsozialismus“ andererseits. Das Mädchen, die Frau, der Mensch Soja Kosmodemjanskaja ist in den vielen Denkmälern, die ihr gesetzt wurden, sicherlich kaum erkennbar. Und trotzdem es dringend notwendig ist, sich der sowjetischen Propagandaerzählung über ihr Leben und ihren Tod kritisch zu nähern, steht trotzdem fest, dass es auch ihren Taten zu verdanken ist, dass Deutschland im Mai 1945 kapitulieren musste.

Soja Kosmodemjanskaja wurde ein Lied gewidmet, das ihre Geschichte erzählt. Dieses Lied fand den Weg zu uns über eine Schallplatte der Holocaustüberlebenden Esther Bejerano. Auf „Lieder aus dem Widerstand“ von 1987 interpretiert sie das russische Lied. Wann ihr unsere Version zum ersten Mal live hören werdet, können wir noch nicht sagen … nur soviel: Wir freuen uns bereits darauf!

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